Liebling, wir kriegen ein neues Pferd!
Wer diesen Satz, in aller Unschuld und meist freudig ausgesprochen, noch nicht öfter als dreimal gehört hat, kann nicht nachempfinden was er für mich bedeutet.
Meine erste Reaktion ist die Frage: "Wann?"
Die Antwort ist meistens: "Nächstes Wochenende." oder: "Übermorgen."
"Haben wir denn noch eine Box frei?"
"Nein, mein Schatz, wir müßten schnell noch eine bauen."
Selten liegt der Termin weiter als drei Wochen in der Zukunft. In diesem Fall lehne ich mich beruhigt zurück und tue erst einmal gar nichts.
Der Bau von Pferdeboxen - egal ob Innen- oder Außenboxen - ist im Prinzip eine einfache Sache:
Man kennt die ungefähre Größe des einzustellenden Pferdes, errechnet daraus den Platz-, Licht- und Luftbedarf des Tieres, erstellt in Gedanken den Grundriss sowie den Materialplan der Box, berechnet die Statik der Tragwände und des Daches (maximal zu erwartende Schneelast und Winddruck zugrunde legen), schätzt die größtmögliche Auftreffwucht des Pferdehufes pro Quadratzentimeter, ermittelt die entsprechende Bohlenstärke, besorgt das Material und drückt seiner Frau Hammer, Motorsäge und Spaten in die Hand.
Nicht, dass ich etwa zu faul wäre, mit Hand anzulegen - nein, nein! Ich bin nur mit der Bauleitung so ausgelastet, dass mir meistens keine Zeit dazu bleibt. Außerdem ist meine Elly handwerklich wesentlich geschickter als ich und hat im Boxen- und Koppelbau die größeren Erfahrungen!
Nehmen wir zum Beispiel die Errichtung einer Außenbox: Bis ich mit Hilfe eines Maßbandes und des pythagoräischen Lehrsatzes eine rechtwinklige Grundrissschablone erstellen würde, hat Elly meist schon die tragenden Wände gezimmert. Und sie stehen auch immer in einem Winkel zueinander!
Lediglich die Konstruktion und Ausführung des Daches bleibt generell mir vorbehalten, da es mir unerträglich wäre, meine Frau der Gefahr herunterzufallen auszusetzen. Außerdem - wer würde dann die Pferde versorgen?!
Da ich nicht ganz schwindelfrei bin (ab einer Höhe von 1,5 Metern bekomme ich Zustände!) gehe ich bei den Arbeiten auf dem Dach sehr behutsam vor. In kniender, manchmal auch liegender Stellung befestige ich die einzelnen Bauteile wie Sparren, Dachlatten oder Deckplatten und achte darauf, immer mit wenigstens zwei Händen einen sicheren Halt zu haben. Natürlich geht dadurch die Arbeit etwas langsamer - aber ich bin noch nie vom Dach gefallen!
So richtig unangenehm wird es, wenn zwischen Ankündigung und Ankunft des Pferdes weniger als 48 Stunden liegen und das Wetter schlecht ist. Schlechtes Wetter heißt: Temperaturen unter minus 10 Grad, Niederschläge größer als 100 mm/qm oder Nebel mit Sichtweiten unter dem Abstand vom Auge zur ausgestreckten Hand. In diesem Fall hilft nur der totale Einsatz aller verfügbaren Mittel - ohne Rücksicht auf etwaige Verluste!
Manchmal glaube ich Pferde bevorzugen solche Wetterlagen für ihre Reisen und Umzüge, denn acht von zehn Boxen haben wir unter solchen Bedingungen errichtet.
Eines morgens als wieder einmal der Zeitpunkt unerbittlich näher rückte zu dem das Pferd eintreffen sollte, war eine Verschiebung des Baubeginns nicht mehr möglich, sollte die Box noch rechtzeitig fertig werden. Am Vortag hatte ich noch - mit dem Hinweis auf vielleicht besser werdendes Wetter - jegliche Aktivität vermeiden können. Jetzt musste etwas getan werden. Es regnete in Strömen! Die Temperatur lag bei ca. 8 Grad Celsius und es ging um den Bau einer Außenbox.
Entsprechend der Witterung legte ich meine Arbeitskleidung bereit. Wer schon einmal beobachtet hat wie ein Astronaut von drei Helfern in seinem Raumanzug verstaut wird, kann in etwa nachvollziehen welche Anstrengungen das Einkleiden für mich allein - ohne fremde Hilfe - bedeutete.
Zuunterst legte ich meine nagelneue Skiunterwäsche
- atmungsaktiv und einseitig wasserabweisend - darüber einen Thermo-Overall an. Um das gute Stück vor Schmutz und Beschädigung zu schützen, kamen noch eine dicke Jeans, ein Pullover und eine Arbeitsjacke darüber. Ein alter, ausgeleierter Cowboyhut sicherte mich gegen Nässe von oben. Zwei Socken, zwei Wollstrümpfe und ein Paar Rosshaarüberzieher sollten meine Füße in den Schnürstiefeln schön warm halten. Als ich nun fertig eingekleidet, kurz vor Beginn der Frühstückspause, die Wohnung verließ, fühlte ich mich für das Kommende gut gerüstet; nur das Treppensteigen machte mir etwas Schwierigkeiten, da ich meine Knie nicht richtig abwinkeln konnte.
Im Hof erwartete mich bereits meine Frau mit allen verfügbaren Werkzeugen und energischem Blick.
Unsere Pferdeboxen standen an einem leichten Südhang mit etwa 10° Gefälle auf unbefestigtem Untergrund. Durch die Boxengasse sprudelte munter ein kleiner Bach. Er sprudelte dort nicht immer, nur wenn es länger als drei Stunden regnete. Nun war es nicht so, dass wir das sehr romantisch fanden und deshalb diesen Zustand beließen, sondern die Baugenehmigung für unseren richtigen Stall ließ auf sich warten, und wir hatten um die Zeit zu überbrücken, einige Provisorien neben der geplanten Baustelle errichtet. Daraus entwickelte sich im Laufe der Monate eine richtige kleine Anlage mit 10 Boxen.
Pferde vermehren sich manchmal auf erschreckende Weise!
Wir nahmen die Werkzeuge auf und wateten zur letzten Box in der Reihe. Hier wollten wir das neue Pferdeheim anbauen. Es regnete immer noch in Strömen. Die Temperatur war auf etwa 9° Celsius gestiegen und ich schwitzte fürchterlich!
Um uns die Arbeit zu erleichtern, hatten wir ein Endlossystem für den Boxenbau entwickelt, das es uns ermöglichte eine Box an die andere zu bauen und dabei immer die gleiche Menge Material und den gleichen Arbeitsablauf zu verwenden. Zuunterst legten wir Mauerblöcke von 30 x 24 x 24 cm als schwimmendes Fundament in den knöcheltiefen Schlamm. Darauf wurden die tragenden Säulen der Außenwände in Form von Rundhölzern mit etwa 15cm Durchmesser gestellt.
Bei der Ablängung der Säulen war zu beachten, dass durch das Gewicht der fertigen Wände und des Daches, die Fundamentblöcke noch bis zu 5cm tiefer in den weichen Untergrund gedrückt werden würden. Deshalb mussten wir sie entsprechend länger lassen.
Die Dachneigung war durch die Hanglage bereits vorgegeben, nur die Unebenheiten des Geländes mussten wir bei der Berechnung noch ausgleichen. Seltsamerweise betrug die Abweichung der Dachneigung nie mehr als einige wenige Grad.
Auf die stehenden Säulen legten wir die sogenannten Pfetten, ebenfalls runde Querhölzer. Damit die Ständer nicht umfallen konnten, musste sie meine Frau festhalten, bis ich die Pfetten montiert hatte. Die Ständer waren im Abstand von etwa 1,5m errichtet. Dieses Maß entsprang keiner statischen Berechnung sondern war der größtmögliche Abstand, bei dem Elly noch zwei Säulen festhalten konnte, ohne einen Spagat zu machen. Auch so war die artistische Leistung beachtlich!
Weil die Säulen senkrecht und parallel stehen mussten, war Elly gezwungen ihren Stand in die jeweilige Richtung zu verlagern und dabei auch noch schön festzuhalten. Es sah manchmal richtig lustig aus! Trotzdem beeilte ich mich mit der Arbeit um ihr unnötige Anstrengung zu ersparen.
Schließlich war die Vorder- und Rückseite des Trag-gerüstes aufgestellt. Nun mussten die beiden Teile stabil miteinander verbunden werden, damit sie nicht umfallen konnten. Dazu nagelte ich links und rechts je eine Dachlatte als Sparren über die Pfetten.
Jetzt war die Form der Box schon richtig dreidimen-sional zu erkennen. Diagonale Verstrebungen - ebenfalls Dachlatten - verstärkten die Standsicherheit des Gestells.
Mittlerweile war es Mittag geworden und es regnete immer noch. Natürlich wäre es schön gewesen, jetzt eine kleine Pause einzulegen um etwas zu essen, doch der Zeitpunkt der Ankunft des neuen Pferdes rückte uner-bittlich näher! So ging die Arbeit ohne Unterbrechung weiter. Wir installierten die Mittelpfosten und danach machte ich mich an die Konstruktion des Daches.
Ich hatte errechnet, dass eine Dachlatte - 30 x 50 mm - hochkant gestellt, auf einer Länge von 1,7 m freitragend, eine Last von 22 kg aushielt, ohne sich nennenswert zu verbiegen. Die Praxis zeigte, dass es noch viel mehr war.
So verzichtete ich beim Bau des Daches auf kostspielige Balken und verwendete besagte Dachlatten als Sparren. Das Ganze sah auch wesentlich graziler aus. Mein Schwager, von Beruf Zimmermann, war jedesmal aufs neue fasziniert, wenn er uns besuchte - besonders als im Winter einmal fast dreißig Zentimeter Schnee auf dem Dach lagen!
Nachdem die Sparren aufgenagelt waren, kam der schwierigste Teil. Bis dahin hatte ich alle Tätigkeiten auf einer Leiter stehend, einigermaßen leicht ausführen können. Nun musste ich auf das Dach. Es regnete immer noch in Strömen und der Bach zwischen den Pferdeboxen sprudelte munter vor sich hin.
Meine Höhenangst überwindend, stieg ich auf die oberste Sprosse der Leiter und schob mich vorsichtig mit den Knien auf ein Brett, das ich über die Sparren gelegt hatte. Mehrere solcher Bretter mussten nun quer über die Sparren genagelt werden um als Unterlage für die Faserbetonwellplatten zu dienen, die die Dachhaut bilden sollten.
Elly reichte mir auf Zuruf jeweils ein Brett und ich legte es in Position und nagelte es fest. Durch den Regen waren die Bretter schön glitschig geworden und ich konnte sehr leicht auf ihnen hin und her rutschen. Da ich am unteren Dachrand mit der Arbeit begonnen hatte, ging es vor mir bergauf und hinter mir bergab. Manchmal rutschte ich deshalb - dem Zuge der Schwerkraft folgend - nach unten und blieb zwischen den Brettern in halb liegender Position hängen. Die Abstände waren so berechnet, dass mein Leibesumfang ein Durchfallen verhinderte und somit konnte ich sicher arbeiten. (Bitte glauben Sie jetzt nicht, ich sei sehr dick, ich hatte nur die Abstände ziemlich klein gewählt.)
Nachdem alle Bretter befestigt waren, begann der gefährliche Teil der Arbeit. Um die Dachplatten sauber auszurichten, musste ich stehend freihändig auf den glitschigen Brettern balancieren. Hierbei hätte ein Abrutschen schlimme Folgen haben und edle Körperteile verletzt werden können.
Elly wuchtete die erste Platte an die Dachkante; ich zog sie herauf und schob sie an ihren Platz. Wegen der notwendigen Dichtheit mussten jeweils zwei Wellen zweier Platten überlappen, sodass die Reihenfolge des Verlegens vorgegeben war. Außerdem mussten die unteren Platten zuerst verlegt werden, damit die oberen auf ihnen zu liegen kamen, weil sonst das Wasser in die Box gelaufen wäre.
Nachdem die untere Reihe verlegt war, konnte ich mich wieder in kniender Haltung bewegen und mich somit sicherer fühlen. Es regnete immer noch ziemlich stark und auch auf den Dachplatten sprudelte nun munter das Wasser! Es umspülte meine Knie und die Spitzen meiner Stiefel. Während ich eine neue Platte passgerecht legte, lief mir das Wasser in die Ärmel meiner Jacke und des Overalls. Meine nagelneue Skiunterwäsche war scheinbar von der falschen Seite her wasserabweisend, da sie das Wasser zwar hinein, aber nicht mehr heraus ließ. Immer wenn ich mich aufrichtete spürte ich ein leises Rieseln, wenn das Wasser nach unten ablief, um sich in meinen Stiefeln zu sammeln. Da ich meine Stiefel immer gut fettete, waren sie wasserdicht. Richtig spaßig wurde es, als die hintere Krempe meines Hutes nach unten klappte und das Wasser auch noch in meinen Kragen lief! Trotzdem musste weitergearbeitet werden, weil das Pferd in drei Stunden ankommen sollte.
Während ich die restlichen Platten verlegte und ausrichtete, begann Elly mit der Motorsäge die Bretter für die Boxenwände zu schneiden. Normalerweise bin ich ja kein ängstlicher Mensch - aber wenn ich meine Frau mit einer Motorsäge arbeiten sehe und dazu noch in drei Meter Höhe auf einem nassen, rutschigen Dach stehe, überkommt mich doch ein gelindes Frösteln! Vielleicht lag es in diesem Fall aber auch nur an meiner völlig durchnäßten Kleidung.
Jedenfalls beeilte ich mich, die Platten zu verschrauben und vom Dach herunter zu kommen. Etwas steif durch das lange Knien, stieg ich die Leiter hinab.
Elly hatte die Bretter bereits geschnitten und wir begannen die Boxenwände zu verkleiden. Es war eine richtige Wohltat jetzt unter Dach zu arbeiten! Ich hätte gerne erst meine nassen Sachen gegen trockene Wäsche eingetauscht, aber in zwei Stunden sollte das neue Pferd ankommen.
Wir nagelten die Bretter an die Säulen und langsam wurde mir wieder warm. Als wir drei Seiten fertig hatten, hörten wir das Telefon läuten. Elly lief los.
Bis zur Haustüre waren es etwa vierzig Meter, dann die Treppe in den ersten Stock und an der Wohnungstür die Stiefel ausziehen - nicht immer erreichten wir das Telefon rechtzeitig; manchmal hatte der Anrufer schon aufgelegt, bis wir abheben konnten. So auch diesmal.
Elly zuckte mit den Schultern als sie zurück kam und wir nahmen unsere Arbeit wieder auf. Noch zweimal klingelte es während der nächsten Stunde, aber wir ließen uns nicht mehr stören und bauten an der Box weiter. Bis auf die Tür war alles fertig. Während ich mich an die Herstellung derselben machte, ging Elly in die Wohnung um etwas zu essen zu bereiten.
Der Regen hatte nachgelassen und es klarte ein bisschen auf. Ab und zu waren bereits die ersten Sonnenstrahlen durch Wolkenlücken gedrungen und hatten einen hübschen Regenbogen gezaubert. Morgen würde wohl das schönste Wetter sein!
Schon wieder klingelte das Telefon. Ich hob gerade die Boxentür in die Angeln, als Elly aus dem Fenster nach mir rief.
"Ich bin gleich fertig! Dann komme ich zum Essen." antwortete ich und wollte weitermachen.
"Lass es ruhig liegen!" meinte Elly "Sie haben gerade angerufen und gesagt, sie könnten das Pferd erst morgen abend bringen, weil das Dach ihres Pferdehängers kaputt ist und es immer hinein regnet. Und ein nasses Pferd in einem zugigen Hänger könnte leicht krank werden. Das Risiko wollten sie nicht eingehen."
Als ich wortlos mein Werkzeug fallen ließ und Richtung Haustür ging, quackerte das Wasser in meinen Stiefeln und ich fragte mich, wer sich wohl Gedanken über das Risiko machte, das nasse Ehemänner auf zugigen Boxendächern eingingen?
Hat es Ihnen gefallen? Hier können Sie das Buch bestellen und noch viel mehr lachen!
|